Biodiversität verpachten

Der innovative Ansatz des Projekts «Biodiversität verpachten» von Pro Natura eröffnet neue Perspektiven zur Erweiterung der Ökologischen Infrastruktur im Landwirtschaftsgebiet. Indem das Projekt direkt private Grundeigentümer anspricht – ein bisher wenig genutztes Vorgehen – fördert es die gezielte Gewinnung zusätzlicher Flächen. Gleichzeitig zeigt es auf, wie freiwillige, vertragliche Instrumente künftig auch in anderen Politikbereichen zur Förderung der Biodiversität genutzt werden können. Der Erfolg dieses Vorgehens stützt sich auf die Einbindung aller relevanten Akteure, insbesondere auf den konstruktiven Dialog und die enge Zusammenarbeit mit den Bewirtschaftern.

Keywords : Erweiterung der Ökologische Infrastruktur; Beratung; Landwirtschaftsgebiet; private Grundeigentümer; Zusammenarbeit; NGO; Innovation

Biodiversität verpachten

Mehr Raum für die Biodiversität im Landwirtschaftsgebiet zu schaffen – dieses Ziel verfolgt Andrea Lips, Projektleiterin des Projekts «Biodiversität verpachten» bei Pro Natura Schweiz. Während für die Stärkung der Biodiversität dringend zusätzliche Flächen erforderlich sind, ist deren Gewinnung in der Schweiz schwierig, insbesondere wenn sie nicht im Besitz der öffentlichen Hand sind. Rund 45 % der Landwirtschaftsflächen in der Schweiz sind verpachtet1. Pro Natura erkannte hier eine Chance und lancierte 2019 ein innovatives Projekt: den Pachtvertrag als Hebel zu nutzen, damit Eigentümer landwirtschaftlicher Flächen aktiv einen Beitrag zur Förderung der Natur leisten können.

Ein angemessenes Angebot für Grundeigentümer

Pro Natura lädt Grundeigentümer, die ihre Parzellen nicht selbst bewirtschaften, zu einer kostenlosen und individuellen Beratung ein. Nach einem ersten telefonischen Austausch wird die Anfrage an ein spezialisiertes Büro weitergeleitet, das eine gemeinsame Feldbegehung mit Eigentümer und Bewirtschaftenden organisiert. Diese Begehung bildet die Grundlage, um konkrete, auf die jeweilige Parzelle abgestimmte Massnahmen vorzuschlagen. Dabei arbeitet Pro Natura eng mit seinen regionalen Sektionen2 sowie mit Fachbüros3 aus den Bereichen Landwirtschaft und Naturschutz zusammen.

Key Messages für die ÖI

  • Private Grundeigentümer gezielt zu motivieren ist ein innovativer und vielversprechender Ansatz, um zusätzliche Flächen für die Ökologische Infrastruktur zu gewinnen – zumal in der Schweiz fast die Hälfte der landwirtschaftlichen Flächen verpachtet ist.
  • Biodiversität zu verpachten erfordert einen konstruktiven Dialog zwischen Grundeigentümern und Bewirtschaftern, damit Massnahmen akzeptiert, umgesetzt und langfristig gesichert werden können.
  • Die Einbindung der Bevölkerung in konkrete Umsetzungsaktivitäten vor Ort fördert die Realisierung von Biodiversitätsmassnahmen und stärkt gleichzeitig das Bewusstsein für die Ökologische Infrastruktur.

Dialog zwischen Grundeigentümern und Bewirtschaftern als Schlüssel zum Erfolg

Für Pro Natura ist es zentral, die Bewirtschafter von Anfang an einzubeziehen und ihre Perspektive ernst zu nehmen. Ziel ist es, einen konstruktiven Dialog zwischen Eigentümern und Bewirtschaftern zu etablieren. Dazu begleiten spezialisierte Büros die Akteure – nicht nur als Moderatoren, sondern auch als fachliche Experten. Sie unterstützen alle Beteiligten dabei, ihre Perspektiven einzubringen und gemeinsame Biodiversitätsmassnahmen zu definieren, die für alle einen Mehrwert darstellen. Nur so kann eine Anpassung des Pachtvertrags im gegenseitigen Einvernehmen erfolgen und können die Massnahmen wirksam und langfristig umgesetzt werden. Der Erfolg des Projekts beruht daher wesentlich auf guter Kommunikation und einer vertrauensvollen Zusammenarbeit aller Beteiligten.

Darüber hinaus ermöglichen bestimmte Massnahmen, die lokale Bevölkerung in die Umsetzung einzubeziehen und das Bewusstsein für die Bedeutung der Biodiversität zu stärken.

Manche Massnahmen werden dank freiwilligem Engagement umgesetzt. Links: Freiwilligeneinsatz zur Pflanzung von Hochstammbäumen in Bettlach (SO) © Urs Scheidegger ; rechts: Heckenpflanzung mit einer Schulklasse in Romanens (FR) © Naturaconsultus
 

Zahlreiche Massnahmen bereits umgesetzt

Seit Projektbeginn konnten rund 220 Hektaren durch vielfältige Massnahmen ökologisch aufgewertet werden – darunter die Umstellung auf extensive oder biologische Bewirtschaftung, der Verzicht auf Pestizide, die Pflanzung von Bäumen sowie die Anlage von Blumenwiesen, Buntbrachen, Weihern, Kleinstrukturen und Trockenmauern. Jährlich gehen schweizweit zwischen 60 und 80 Anfragen von Grundeigentümern ein. Das Angebot richtet sich zudem an Korporationen wie Gemeinden, Bürgergemeinden oder Kirchgemeinden, die häufig über grössere Landwirtschaftsflächen verfügen.

Pro Natura verzeichnete seit Projektbeginn eine hohe Nachfrage nach Beratung. Links:  Räumliche Verteilung der Anfragen nach Gemeinden; grössere Punkte kennzeichnen Gemeinden mit mehr Anfragen. Rechts:  Verteilung der Anfragen nach Behandlungskategorie: Kategorie 1 (rot) = telefonische Beratung; Kategorie 2 (blau) = Feldbegehung; Kategorie 3 (grün) = Anfragen von Korporationen (z. B. Gemeinde, Bürgergemeinde, Kirchgemeinde).

Jede Fläche zählt

Wie fügt sich das Projekt in die Ökologische Infrastruktur ein? Das Projekt sieht vor, sich künftig auch auf die kantonalen Planungen der Ökologischen Infrastruktur abzustützen. Diese zeigen auf, wo Massnahmen für die Biodiversität besonders wirksam und fachlich am sinnvollsten sind. Die vorgeschlagenen Massnahmen werden somit in das regionale und lokale ökologische Netzwerk eingeordnet und ihre Kohärenz sichergestellt. Laut Andrea Lips verfolgt das Projekt jedoch das Ziel, auf alle Anfragen einzugehen – auch wenn sich die betreffenden Flächen ausserhalb des kantonalen Perimeters der Ökologischen Infrastruktur befinden. Dabei werden vorhandene Chancen konsequent genutzt, denn jede Fläche kann einen Beitrag leisten. 

Auf dem Weg zu einer starken Ökologischen Infrastruktur

Der Ansatz des Projekts birgt grosses Potenzial für den Aufbau einer funktionalen Ökologischen Infrastruktur. Deren Umsetzung erfordert nicht nur die qualitative Aufwertung bereits bestehender Flächen mit ausgewiesener Bedeutung für die Biodiversität, sondern auch die Erschliessung zusätzlicher Gebiete. Durch die direkte Ansprache von Grundeigentümern und den anschliessenden Dialog mit den Bewirtschaftern bietet Pro Natura eine innovative und bisher wenig genutzte Möglichkeit, zusätzliche Flächen für die Biodiversität zu gewinnen. Dieser Ansatz könnte zudem auch in anderen Politikbereichen – etwa im Wald – Anwendung finden.

Strategisch eingesetzt und breit angewendet, kann dieses Vorgehen einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der Ökologischen Infrastruktur in der Schweiz leisten und bestehende Lücken schliessen.

Kontaktdaten

Andrea Lips: Projektleiterin bei ProNatura Schweiz, +41 61 317 91 91, mailbox(at)pronatura.ch

Géraldine Chavey: ecoinfra suisse, +41 31 521 34 75, geraldine.chavey(at)ecoinfrasuisse.ch

1

Gemäss Pro Natura Web Seite « Biodiversität verpachten »

2

Die Sektionen Pro Natura BL, Pro Natura SO und Pro Natura GR führen die Beratungen selbst durch.

3

Agrofutura AG, Natura Consultus, ASCA, EKOLOG, UNA, Arnal, Umweltatelier, Flor GmbH, Naturschutzlösungen, Umwelt-Werk, Trifolium, GeOs GmbH, L’azuré, Umwelt gmbh

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